An(ge)dacht - Quarantäne und Kaufzurückhaltung

von Bad Bellingen, Blansingen, Hertingen, Kleinkems & Welmlingen

Die Entschleunigung dieser Tage macht neugierig.

Und so wollte ich unbedingt wissen, woher das Wort "Quarantäne" eigentlich kommt. Dass es so viel wie Sperrmaßnahme bedeutet war mir klar, nicht aber die Herkunft des Wortes. Es stammt aus dem Französischen "Quarante" (Vierzig) und bezieht sich ursprünglich auf die Tatsache, dass man früher Schiffe, die seuchenverdächtige Seeleute an Bord hatten, mit einer 40-tägigen Hafensperre belegte.

Da klingelt es! Die Zahl 40 spielt auch im kirchlichen Jahreslauf eine Rolle: die 40-tägige Fasten- oder Passionszeit von Aschermittwoch bis Ostern. Und da bekommt für mich die Gleichzeitigkeit von Passionszeit und der Tatsache, dass viele in Quarantäne bzw. mit Ausgangseinschränkungen leben, einen überraschend aktuellen Bezug.

Beide Male geht es darum, Konsequenzen zu ziehen. Es sind verstörende Wochen, die uns viel an Einsicht und Rücksicht abverlangen. Aber ich höre oft "das schaffen wir gemeinsam!" Es ist zum Glück kein Einzelfall: Menschen, die Beistand leisten trotz großer persönlicher, familiärer, beruflicher und wirtschaftlicher Herausforderungen. Und es gibt sie immer noch: Solidarität, Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme ...

Bei den Begriffen "Solidarität" und "Hilfsbereitschaft" liegt mir ein Gedanke besonders am Herzen: Es ist für alle eine bittere Zeit, doch für die vielen Einzelhandelsgeschäfte, die unsere Städte und Dörfer mit Vielfalt beleben, ist diese Krise eine Katastrophe. Es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass der Internethandel von der Krise profitiert und die Kleinen vor Ort in die Knie und vor die Hunde gehen. Natürlich haben wir in diesen Zeiten das Gefühl, uns etwas leisten zu wollen. Aber meiner Meinung nach könnten wir jetzt, gerade in dieser Fastenzeit (!), auch dazu beitragen, dass nach der Krise weniger Einzelhändler vor dem Nichts stehen. ...

Welche Innenstädte und Geschäftslandschaft wir wollen, entscheiden wir durch unser Kaufverhalten. Ich will die Vielfalt der Geschäfte in den Straßen unserer Städte. Und ja: Ich will, soweit es geht, auf Amazon und Co. verzichten in diesen Tagen. Geschlossene Geschäfte bedeuten für mich auch Kaufzurückhaltung im Netz. Wenn viele das auch so sehen, wäre ein wenig Gerechtigkeit hergestellt in dieser irren Zeit. Ich denke, dass dieses Bemühen, sich jetzt eben NICHT all die verlockenden Dinge im Netz zu kaufen, eine Art des Fastens ist. Natürlich weiß ich auch, dass unsere Versuche, das zu probieren, an der Gesamtlage in dieser Zeit kaum etwas ändern. Oder gar nichts. Nur: Sie verändern den, der sie unternimmt. Und das wiederum finde ich sehr viel.

Ulrich Henze, Pfarrer

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