Lätare - So, 22.03.2020 - Martin Braukmann zu Jes 66,10-14

von Predigten

Predigt von Pfr. Martin Braukmann am Sonntag Lätare, 22. März 2020.

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebhabt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. 11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 12 Denn so spricht der HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. 14 Ihr werdet's sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des HERRN an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.
Herr, wir bitten dich um deinen Geist, dass du uns deine Kraft verleihst, dass wir das Alte neu verstehn und uns in deiner Nähe sehn.

Liebe Gemeindeglieder und Leser,

mit der heutigen Predigt starten wir ein neues Projekt in unseren evangelischen Gemeinden im Rebland. Gezwungen durch die Corona-Epidemie suchen wir nach neuen Wegen, um Sie zu erreichen; um Ihnen die Möglichkeit zu bieten, „unter“ Gottes Wort zu kommen, auch wenn in diesen Tagen unsere Kirchen für Gottesdienste geschlossen bleiben. Schön, dass Sie zuhören oder die Predigt lesen.

Wir feiern heute den Sonntag Lätare. In vielen Kirchengemeinden ist der heutige Sonntag mehr als nur irgendein Passionssonntag. Der Sonntag Laetare steht in der Mitte der Fastenzeit und wird deshalb auch "Mittfasten" genannt. In manchen Regionen gibt es Umzüge. Man feiert das Ende des Winters. Freude ist angesagt. Die traurige und trostlose Winterzeit ist so gut wie vorbei. Das Wochenlied greift diese Freude auf und singt von Jesus: Jesus meine Freunde, meines Herzen Weide, Jesus meine Zier. In dem Lied EG 396 wird das in den unterschiedlichsten Lebenssituationen durchbuchstabiert.

Können wir auch sagen, dass das eine vergangen und Neues geworden ist. So hatten wir in den letzten Tagen ja schon sehr milde; geradezu warme Temperaturen. T-Shirt-Wetter. Der Winter sagt Ade. Sonntag Lätare: Heute darf, heute soll gefeiert werden! Aber in diesem Jahr ist uns die Zwischenfeier mitten in der Passionszeit deutlich verdorben. Durch die
Corona-Epidemie ist unser öffentliches Leben ziemlich heruntergefahren. Im Moment jagt eine Nachricht die andere. Eine ungeheure Spannung liegt in der Luft, weil die Situation einfach ungewiss und unbekannt ist. Wie wird es werden? Trifft es mich auch? Wie soll das alles weitergehen? Wird es noch schlimmer?

In die Ungewissheit unserer Tage kommt mit dem Predigttext ein Gedanke, der uns momentan nicht so recht unterkommt. 10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebhabt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.

Diese Bilder vom Ende einer Krise liegen quer zu unserer Situation, die doch gerade erst angefangen hat und von der wir nicht wissen, wohin das Ganze noch führt. Dagegen steht der Aufruf des Sonntags Lätare! Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie liebhabt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
Die Aufforderung Gottes und der Ruf des Propheten sind nicht einfach der platte Ruf einer Spaßgesellschaft. So sagte mir eine Freundin, dass die ganze momentane Situation ihren 21-jährigen Sohn überhaupt nicht treffe. Er gehöre ja schließlich nicht zur Risikogruppe; also wird weitergelebt wie immer. Die Party geht weiter.

Etwas ganz anderes meint Jesaja. Er schaut auf die gesellschaftlichen und politischen Zustände vor 2500 Jahren. Es ist schier zum Verzweifeln! Die Menschen sehnen sich nach Freiheit. Die Menschen sehnen sich nach Wohlergehen. Die Menschen sehnen sich nach Leben! Es soll keine Bedrohung, keine Gewalt und keinen Krieg mehr geben. Flucht und Verschleppung sollen endlich Vergangenheit sein!

Der Prophet will, dass die Menschen nicht vergessen, was gewesen ist. All das Unheil, das Menschen einander angetan haben. All die Katastrophen, die sie sich gegenseitig zugefügt haben. Dieses schier endlose Spiel um Sieger und Besiegte, Gewinner und Verlierer. Dieses nicht-enden-wollende Gieren nach Macht. Da werden Menschen in Ohnmacht und Verderben gestürzt. Und das Ganze wird mit blutigem und verbissenem Ernst betrieben.

All das hat Jesaja vor Augen, als er zu etwas Neuem aufruft. Es geht um einen Wechsel. So wie das Frühjahr den Winter ablöst, so sieht Jesaja eine Veränderung von Gott herkommen. Die Menschen haben genug gelitten;

damit muss jetzt Schluss sein. Trost wird den Menschen zugesprochen, Trost von Gott her. Ein Labsal, das sie saugen und einschlürfen dürfen. So saugen Kinder an der Mutterbrust. Und sie leben davon.

Siehe, ich breite aus bei ihr – also bei Jerusalem – den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. So sagt Gott selbst. Das galt zunächst für Jerusalem, aber ich denke, wir dürfen diese Zusage auch für uns in Anspruch nehmen. Diesen Frieden breitet Gott selbst aus. Er strömt von ihm aus zu allen, die ihn nötig haben. Der Reichtum der Völker läuft über wie ein Bach bei Hochwasser. Er fließt zu allen, damit sie alle Leben in Fülle haben. Niemand muss mehr mit anderen um Frieden oder Wohlergehen streiten. Niemand muss mehr andere um das beneiden, was sie anscheinend mehr haben. Eine neue Zeit bricht an – und sie ist schon zu sehen und zu erleben!
Die Unzeitigkeit der Heilszusage, wir können sie geradezu mit Händen greifen. Viele Menschen werden diese Worte damals gern gehört und angenommen haben. Andere Menschen werden sie vielleicht noch als Wunschtraum abgelehnt haben. Wenn man mitten in einer Situation drinsteckt, fällt es schwer, sie von ihrem Ende her zu betrachten. Mitten in der Passionszeit können wir schwerlich hinter Karfreitag denken. Mitten in der Coronakrise ist es eher ein frommer Wunschgedanke, dass schon wieder Freudenlieder angestimmt werden.

Wir hören die Worte des Predigttextes als Worte in unsere Zeit hinein. Und sie passen ja auch in die aktuelle Weltsituation der Corona-Epidemie. Und auch heute werden manche diese Worte als Stärkung empfinden. Aber andere werden sie als fromme Utopie abtun.

Was uns mit den Menschen von damals verbindet und ihnen wie uns gilt, ist das ist das Gotteswort: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Das galt den Menschen vor 2500 Jahren und das meint uns heute. Alle Menschen erleben traurige Zeiten. Alle erfahren Zeiten der Bedrängnis. Alle kommen wohl mal in seelische Nöte. Und alle erleiden Zeiten des Abschieds. Und wir alle dürfen glauben, was Gott durch den Propheten sagt. Wir dürfen es glaubend weiterleben und weitergeben. Gott, der das gesagt und versprochen hat, der wird uns auch in allem andern begleiten. Das allein ist schon ein wunderbarer Grund zur Freude, nicht bloß in der Mitte der Passionszeit. Das ist Trost und Zuversicht mitten in einer Zeit der Corona-Krise.

Lasst es uns machen, wie die Menschen mitten in der Zeit des Babylonischen Exils. Lasst uns auf Gott trauen, der da ist, der treu ist und der eine Wende herbeiführen wird, dass auch wir wieder lachen und fröhlich sind. Und mitten im Zweifel wollen wir uns an seine Brust werfen und bei ihm Trost suchen. Er tröstet, wie eine Mutter tröstet. So erweise sich Gott an uns.

Amen

 

Gebet:

Jesu, meine Freude. Wir singen es. Allein und mit schwacher Stimme - und sind nicht allein. Wir singen es. Getrennt von unseren Freundinnen und Freunden - und sind nicht allein. Erbarme dich.

Jesu, meine Freude. Wir singen es bangen Herzens, in Sorge um die Kranken - und sie sind nicht allein. Wir singen es bangen Herzens, in Trauer um geliebte Menschen – und sind nicht allein. Erbarme dich.

Jesus, meine Freude. Wir singen es unter deinen Schirmen. Wir singen es und bitten um Schutz und Schirm für alle die pflegen, die forschen, die retten. Wir singen es und bitten um Frieden in unserem Land, bei den Menschen in Syrien; bei dem Menschen in den Flüchtlingslagern. Erbarme dich.

Jesus, meine Freude. Allein und in dir verbunden singen wir. Wir singen und loben dich. Wir singen und beten mit unseren Freundinnen und Freunden. Wir singen und hoffen für alle, um die wir Angst haben, Dir vertrauen wir uns an, heute, morgen und jeden neuen Tag.

Amen.

 

Seien Sie in Gott behütet, von seinem Schutz umgeben und von seinem Geist getröstet. Ich wünsche ihnen Gottes Segen.

Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und er sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir freundlich zu und er schenke dir und dieser Welt seinen Frieden.

Amen.

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