Okuli - So, 15.03.2020 - Steffen Mahler zu Ps 25,15 und Ps 34,16

von Predigten

Predigt von Pfr. Steffen Mahler am Sonntag Okuli, 15. März 2020. Dieser – bis auf weiteres letzte – Gottesdienst mit Taufe zweier Konfirmanden fand in der Christuskirche statt.

Liebe Gemeinde,

zwei Psalmworte – zwei Blickrichtungen.

"Meine Augen sehen stets auf den Herrn" (Ps 25,15) und
"Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten" (und seine Ohren auf ihr Schreien) (Ps 34,16).

Der heutige Sonntag macht uns auf diese beiden Blickrichtungen und Perspektiven aufmerksam: Meine Augen, unsere Augen sind stets auf Gott gerichtet – und Gottes Augen sehen, merken auf uns.

Es ist gut und wichtig, daß uns das heute am Sonntag „Okuli“ wieder neu gesagt und bewußt gemacht wird. Denn vieles ist in den letzten Tagen anders, als wir es sonst gewohnt sind. Die Ereignisse der letzten Zeit überschlagen sich. Vieles von dem, was noch vor Tagen gegolten hat, ist überholt. Das ist eigentlich nichts Neues. Schauen wir in die Welt – via Fernseher, Radio oder Internet – geht’s in vielen Regionen unserer Welt genau so zu, ist erschreckender, trauriger Alltag. Mehr oder minder versuchen wir, uns hineinzudenken oder einzufühlen in die Situationen und Menschen in den Krisenregionen unserer Erde; wahrscheinlich gelingt uns das nicht einmal ansatzweise.

In den vergangenen Tagen konnten wir erleben, wie unser Land selbst in gewisser Hinsicht zu einem Krisengebiet geworden ist. Und schlagartig bekommen wir tatsächlich einen Begriff davon, wie sich so etwas anfühlt. Die Menschen in unserem Land, in unseren Städten und Dörfern sind verunsichert. Sie fühlen sich ohnmächtig und merken, daß da etwas vor sich geht, worüber sie keine Gewalt, keine Kontrolle mehr haben.

Und dann passieren sie, die Übersprungshandlungen. Dann werden über Maß und Verstand die Regale leergekauft und zuhause die Vorratskeller aufgefüllt bis unter die Decke – frei nach der Devise: „Man weiß ja nie!“ und „Irgendwas muß ich doch tun!“ Noch vor kurzem hätte wahrscheinlich keiner mit solchen Irrationalitäten gerechnet.

Und doch kann ich sie verstehen, diese Unsicherheit, spüre ich sie in gewisser Hinsicht in mir selber doch auch. Nicht so sehr im Privaten – da bin ich naturgemäß eher gelassen –, vielmehr aber mit Blick darauf, wie wir als Kirche und Gemeinde, als Gemeinschaft hier vor Ort besonnen und richtig in dieser Ausnahmesituation entscheiden und agieren. Und klare Entscheidungen haben wir gestern schon fällen müssen, als wir mit unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden samt Eltern übereingekommen sind, die Gottesdienste rund um die Konfirmation nächste und übernächste Woche abzusagen bzw. auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Und zügige und klare Entscheidungen müssen auch heute getroffen werden – nach dem Gottesdienst in einer Sondersitzung unserer Kirchengemeinderäte. Entscheidungen darüber, wie wir unser Gemeindeleben in den kommenden Wochen unter den Maßgaben von Land und Landkreis anpassen müssen. Und es wird wahrscheinlich darauf hinauslaufen, daß wir in den kommenden Wochen unsere Veranstaltungen und Angebote drastisch reduzieren bis ganz absagen müssen. Bis auf Weiteres – weil niemand weiß, wie sich die Situation genau entwickeln wird.

Die meisten von uns werden sie darum täglich, stündlich verfolgen – die Entwicklung, und ihre Blicke in die Fernseher, Tablets und PCs werfen, um die neusten Nachrichten, Newsticker und LiveBlogs abzugreifen. Das ist gut und richtig, und das werde ich auch tun.

Der heutige Sonntag „Okuli“ ermutigt uns, unseren Blick auch noch woanders hinzulenken. „Meine Augen sehen stets auf den Herrn!“ Wir sind eingeladen, unsere inneren Blicke immer wieder auszurichten auf den Gott, der uns sieht. Der uns auch jetzt sieht und auf uns merkt – sein wachendes und schützendes Augenmerk auf jede und jeden von uns richtet. „Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten (und seine Ohren auf ihr Schreien) (Ps 34,16).

Daß ihr, Felix und Alina, euch trotz der momentanen Situation und manchem Abwägen doch entschlossen habt, eure Taufe heute zu feiern, empfinde ich als ein leuchtendes Beispiel dafür. Ihr habt euch mit eurer Taufe heute entschieden, euren inneren Blick nicht von den äußeren Umständen einfangen zu lassen, sondern auf Gott zu schauen, euch und euren weiteren Lebensweg ihm anzuvertrauen. Dem Gott, der eurem Blick mit seinen liebenden und wachenden Augen antwortet und euch begleitet.

Ich wünsche dir, liebe Alina, daß du das so erleben und erfahren kannst. Und daß in dir die Gewißheit wächst, die in deinem Taufspruch zum Ausdruck kommt: Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendeine andere Kreatur mich trennen kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Und du, lieber Felix, sollst erfahren, daß nicht die lauten Polterer und Haudraufkameraden, die vermeintlich Eigenmächtigen sich durchsetzen, sondern die Klugen, die Besonnenen. Die, die auf Gott schauen und sich von ihm anblicken lassen. Und die dann auch ihren Blick für ihre Mitmenschen öffnen. Ich wünsche dir, daß dir das zur eigenen Erfahrung wird, so wie es auch dein Taufspruch sagt: Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.

Nachher nach dem Gottesdienst geht jeder wieder seiner Wege. Die aktuelle Handlungsempfehlung will’s, daß wir unsere Sozialkontakte minimieren. Das mag für den einen leichter möglich sein, weil er gut für sich selbst sorgen kann oder sein engeres familiäres Umfeld um sich hat. Für die andere wird’s schwerer werden, wenn in der kommenden Zeit größere Distanz gehalten werden soll. Ich hoffe und wünsche für uns alle hier in unserer Gemeinde und am Ort, daß wir Ideen, Mittel und Wege finden, unseren Blick für unsere Mitmenschen offen zu halten und erreichbar bleiben für die, die unsere Unterstützung brauchen.

Wenn wir nachher auseinandergehen, dann als Menschen, auf die Gott sein aufmerksames, sorgendes Auge hat. Als Menschen, die Gottes Blick vertrauensvoll antworten. Und als Menschen, die ihre Nächsten nicht aus den Augen verlieren.

Amen.

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