Unverhofft

von Efringen-Kirchen, Huttingen & Istein

Knut war nicht glücklich hier in der Reha-Klinik im Harz. Lieber wäre er daheim in Greetsiel. Er vermisste seine Frau und die Kinder. Und jetzt gab es auch noch Verwirrungen wegen des Corona-Virus. Aber er musste nur noch eine Woche bleiben. Da gab sein Smartphone den markanten Klopfton von sich. Es war eine Nachricht von Synke, seiner Frau. "Hallo Knut, wie geht's? Hab eine Bitte: sing doch heute um 19 Uhr unser Familienabendlied "Der Mond ist aufgegangen", lies dazu auch den angehängten Text. Wir singen hier auch, muss noch mit den Nachbarn sprechen. Und noch das: Magst dir morgen den Fernseh-Gottesdienst ansehen? Die Kinder und ich tun das auch, In den Kirchen dürfen keine Gottesdienste mehr gehalten werden, wegen Corona. Morgen, 10 Uhr, NDR. Wir telefonieren danach, ja?" Schön, dachte sich Knut, kann ich mir ja mal vormerken. Beim Gruppenspaziergang war der Sonntagsgottesdienst dann auch ein Gesprächsthema. Da kündigte Simon, ein Mitpatient an, dass er für den Sonntag einen Gottesdienst für alle vorbereitet. Knut ist überrascht und fragt sich, wie das wohl funktionieren wird. Seine Stimmung hellt sich merklich auf.

Am Sonntag geschieht dann das: Eine Therapeutin, die übers Wochenende im Haus wohnt, hatte den großen Gruppenraum geöffnet.

Das Keyboard war aus dem Aufenthaltsraum rübergeschoben worden und eine Gitarre gab es auch. Und auch Klavierspielerin und Gitarrist.

Aus drei Hockerkissen war ein Altar entstanden, aus zwei Aststücken ein Kreuz, 3 cremefarbene dicke Kerzen waren gefunden und aufgestellt worden. Woher hatte Simon die Gesangbücher? Wahrscheinlich aus der Kirche am oberen Ortsende geliehen.

Knut zählte nicht, aber gut 20 Menschen waren anwesend. Das ist mehr als die Hälfte der derzeitigen Bewohner. Es mussten zu den Stühlen noch weitere Hocker aufgestellt werden.

Es war dann sehr schön, den Gottesdienst in direkter Gemeinschaft zu feiern. Möglich war das auch, da alle seit längerer Zeit (nach Corona-Zeitrechnung) als Hausgemeinschaft zusammenlebten und im sonstigen Alltag auch enger Kontakt haben als mit dem derzeit üblichen Sicherheitsabstand.

Nie zuvor hatte Knut das Lied "Morgenglanz der Ewigkeit" mit Gitarrenbegleitung gesungen und nie hätte er gedacht, dass er als einer von dreien bei "Die güldne Sonne" die erste Strophe mit anleiten würde, bis die ganze Gruppe sich eingegrooved hatte.

Das ermutigte ihn, vom Singen "Der Mond ist aufgegangen" zu erzählen. Wer würde sich dazu einladen lassen? Er freute sich schon auf den Abend und das Telefonieren mit Synke.

Nacherzählung einer wahren Begebenheit, jedoch sind Personen und Ort frei erfunden, von Rosemarie Bachmann

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